Transylvania Ultratrail

Ich sitze im Flugzeug. Gerade bin ich in Bukarest gestartet und fliege in Richtung Berlin.
Nur ein Zwischenziel, denn von dort aus geht es direkt weiter nach Düsseldorf und dann zurück nach Hause.

Auf dem RückflugHinter mir liegen 5 Tage Rumänien.
5 Tage voller Gegensätze.
5 ereignisreiche Tage. Schöne, unglaubliche Tage.

Noch einmal werfe ich einen Blick aus dem Fenster, denn kurz nach dem Start überfliegen wir noch einmal die Stadt Braşov und Bucegi-Gebirge in den Karpaten.

Noch vor zwei Tagen bin ich hier gelaufen, dort wo die Natur noch unberührt, wild und ruppig und zugleich wunderschön ist.
Ich bin noch so voller unverarbeiteter Eindrücke, dass ich gar nicht so richtig weiß, wie ich meinen Bericht am besten beginnen soll…

Is this going to be a „Bullshit-Trip“?

6 Tage zuvor: Ich freue mich auf Rumänien. Transylvania Ultratrail heißt das Abenteuer, das ich in den nächsten Tagen erleben werde. Zwei Distanzen werden angeboten. Sowohl 100, als auch 50 Kilometer. Für mich sind die 50 Kilometer ideal, nur 3 Wochen nach dem Hexentanz und gleichzeitig 3 Wochen vorm Keufelskopf, bei dem zugleich auch die diesjährigen deutschen Meisterschaften im Ultratrail ausgetragen werden.

Transylvania Ultratrail LogoAber auch diese 50K werden sicherlich kein Kindergeburtstag, sind doch gleichzeitig auch ca. 3000 Höhenmeter bei 95% „echten“ Trails zu überwinden.
Das Rennen in Transsylvanien wird in diesem Jahr zum ersten mal ausgetragen. Amanda und Andy aus Großbritannien veranstalten es. Die beiden sind sehr erfahrene Ultraläufer und haben sich schon vor Jahren in das Land und die Natur dort verliebt.

Außerdem beschäftigen mich natürlichen Fragen. Wie es wohl wird? Wenn man an Rumänien denkt, hat man gleich Bilder vor Augen. Man denkt an Osteuropa und Zigeuner. Man hat von Armut und Kriminalität gehört.
Doch wie wird es wirklich sein dieses Land, das viel weiter entfernt zu sein scheint, als nur 1500 Kilometer Luftlinie und in dem ich noch nie war?
Ich reise gemeinsam mit dem „Hexer“ Michael, sowie mit Guido aus der Schweiz. Beide habe ich erst vor kurzem noch beim Hexentanz getroffen und wir sind heiß auf dieses Abenteuer.
Doch es geht nicht gut los. Einen Tag vor Reisebeginn werde ich mit einem fetten Kratzen im Hals wach. Keine guten Voraussetzungen für einen Ultralauf.

Nix hören, nix sagen, nix sehenAm darauf folgenden Reisetag ist das Kratzen im Hals zu einer ordentlichen Erkältung gewachsen. Die erste in diesem Jahr.
Seit Beginn des Jahres habe ich sehr gut trainiert und auch viele kleinere Ultras absolviert. Beim Hexentanz über knapp 110 Kilometer nonstop war ich zuletzt richtig gut drauf.
Nach dem 24 Stundenlauf am Seilersee habe ich eigentlich das erste für zwei Wochen regeneriert und schon kommt eine Erkältung.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber offensichtlich holt sich der Körper, was er braucht. Noch habe ich ja ein paar Tage, um wieder fit zu werden.

Reise, Reise: Oder, wer braucht schon Gepäck

Es ist Donnerstag morgen. Der Trip beginnt. Bereits die Anreise wird recht abenteuerlich. Ich fliege früh morgens zunächst nach Berlin. Besser gesagt, ich warte erst mal. Die Maschine ist nämlich defekt und muss zunächst getauscht werden. Ich sehe bereits meinen Anschlussflug in Gefahr, muss mir allerdings keine Sorgen machen, denn als ich in Berlin lande erfahre ich, dass mein Anschlussflug nach Bukarest noch viel mehr Verspätung hat. Irgendwo streiken mal wieder irgendwelche Fluglotsen.

Im Transferbereich in BerlinDie Wartezeit vergeht recht schnell, da ich Andrezej am Flughafen treffe. Wir kennen uns bereits über Facebook.
Er läuft das 100K- Rennen und hat sich viel vorgenommen (er wird später das 100K-Rennen tatsächlich gewinnen) und bald verfallen wir in den üblichen Talk unter Ultra-Läufern.

In Bukarest angekommen, warten wir auf unser Gepäck.
Seins kommt,
meins nicht.

Mein Gepäck hat sich vorgenommen, den Aufenthalt in Berlin noch etwas zu verlängern.
Wann es ankommt? Man kann, oder will mir keine Auskunft geben. Heute jedenfalls nicht. Vielleicht morgen, mit viel Glück, oder am Samstag, laut Computer sollte es eigentlich schon da sein.
Ich erhalte eine Telefonnummer und stehe erst mal ohne Klamotten da. Nun ist meine Teilnahme am Rennen schon von zwei Seiten her in Gefahr. Nicht nur die Erkältung versucht meinen Start zu sabotieren, ohne die Ausrüstung geht ebenfalls nix.

Nahe der Uni in BukarestIch verabschiede mich von Andrzej und entscheide mich, direkt am Flughafen auf Guido zu warten. Mittlerweile ist es schon so spät, dass er ebenfalls bald landen wird, er kommt aus Zürich.
Gemeinsam fahren wir mit dem Taxi nach Bukarest hinein.

Bereits auf der Fahrt sieht man recht deutlich, wie gut wir es in Deutschland haben, oder wie anders es bei uns ist.
Die Infrastruktur ist eine ganz andere – um es mal so zu formulieren.
Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig, dass mir nicht so sehr nach Sightseeing zu Mute war, doch ich hatte jetzt erst mal ein paar andere Dinge zu erledigen.

Im Hotel angekommen, werden wir sehr freundlich begrüßt. Schnell werden mir dort eine Zahnbürste und einige Hygieneartikel besorgt. Toller Service und eine Sorge weniger.

Bukarest

Ich habe dennoch jetzt erst mal was ganz anderes zu erledigen. Ich brauche Kohle (zu allem Überfluss hatte der Geldautomat am Flughafen keine Lust auf meine Karte) und ein paar Klamotten.
Zum Glück ist unser Hotel recht zentral gelegen. Also entschließe ich mich, zu Fuß los zu ziehen und gleichzeitig etwas die Stadt zu erkunden.

In BukarestBald werde ich fündig, erhalte Bargeld und kaufe ein paar Shirts und was man sonst so braucht. Da ich auch kein Ladekabel mehr habe und sich mein IPhone bereits schlafen gelegt hat, ergattere ich auch dafür Ersatz.
Viel Geld kann ich jedoch nicht ausgeben.
Gemessen an deutschen Preisen, ist hier alles ziemlich günstig. Lust auf eine Shopping-Tour habe ich aber trotzdem nicht.
Auf dem Rückweg nehme ich dafür die Stadt noch intensiver wahr und hier werden mir zum ersten mal die krassen Gegensätze dieses Landes bewusst. Es scheint vor allem junge und alte Menschen zu geben. Junge Hipster-Typen. Besonders in der Nähe der Uni. Alte und arme Menschen, direkt dazwischen. Wühlen im Müll, auf der Suche nach etwas zu essen.

Wo sind die Menschen dazwischen? Es scheint hier eine immense schere zu geben.
Einige noble Autos fahren neben jeder Menge alter Autos, bei denen der TÜV in Deutschland schon lange abgewunken hätte. Auch wenn der Fahrstil recht ruppig ist, geht es recht gesittet zu. An jeder größeren Kreuzung sind zur Sicherheit auch Verkehrspolizisten präsent.

Am PalastMan sieht neue Gebäude, daneben sehr alte Gebäude, die eher verfallen als intakt, aber dennoch bewohnt sind. Nur zwei Häuser neben unserem Hotel schaut eine alte Frau stundenlang aus ihrem Fenster und bettelt.
Wieder zwei Häuser weiter gibt es Pizza-Ecken plus Coca-Cola für umgerechnet 2,50 Euro.
Und dazwischen noch mehr Polizei, gerne auch bis an die Zähne bewaffnet. Macht mich das sicherer, oder verunsichert mich das?

Und dann die Prachtbauten aus der Ceaușescu-Diktatur.
Eine Paradestrasse hat man hier, die an Berlin erinnert.
Ebenfalls einen Palast. Sogar einen Arc de Triomphe hat es.

Der wird derzeit sogar restauriert. Man will zeigen, was man hat.
Von einigen Rumänen erfahre ich später, dass die Menschen sehr viel Wert auf das Äußere legen.
So bald man es zu etwas gebracht hat, versucht man das durch Statussymbole deutlich zu zeigen – sofern man welche kaufen kann, denn auch für Geld gbt es hier noch lange nicht alles.

Landeinwärts – für eine Hand voll Bani

Am nächsten Tag geht es endlich weiter. Nach einigem Hin und Her kommt endlich mein Koffer am Flughafen an und wir holen unseren Leihwagen ab.
Meine Laune wird schlagartig besser – dafür wird das Wetter schlechter.
Meine beiden Mitstreiter freuen sich: “Spine-Race-Wetter”.

Heftige Gewitter unterwegsImmer weiter fahren wir landeinwärts,
unserem Zielort Bran kommen wir wegen eines schweren Unwetters jedoch nur langsam näher.
Es blitzt und kracht und die Landschaft und die Leute verändern sich.
Man merkt nun schnell, warum in Bukarest so viele junge Leute sind. Auf dem Land sieht man im Verhältnis noch mehr ältere Menschen. Die jungen Leute wollen in die Stadt, oder noch besser ins Ausland.

Links und rechts der Straße wird alles Mögliche angeboten, vor allem Obst und Gemüse, Getränke, Brot, Käse, Eier, mal auch selbstgemachte Möbel, oder geflochtene Körbe.

HauptverkehrsmitelFür eine Hand voll Bani (das ist die “kleine Währung, die “große Währung” heißt Lei) kann man vieles, was man zum täglichen Leben benötigt einfach kaufen. Arbeit und Handel funktionieren hier anders als bei uns, wir kennen ja oft nur den Supermarkt…
Auch die “Fahrzeuge” ändern sich. Immer häufiger sehen wir Heuwagen, die hinter Pferde, oder Esel gespannt sind.
Ein Standard-Fortbewegungsmittel auf dem Land. Hier und da sieht man auch recht abenteuerliche Konstruktionen.
Da wird ein Heuwagen auch schon einmal mit Seilen an eine Anhängerkupplung gebunden, oder eine Europalette nebst Ladung mit Spanngurten auf dem Dach eines alten Lada transportiert – alles ganz normal hier.

Bran, Dracula’s Castle und ein wunderbares Guesthouse

Am späten Nachmittag passieren wir die nächstgrößere Stadt und kommen schließlich in Bran, einem kleinen Touristendorf, das vor allem durch sein Dracula-Schloss bekannt ist, an.

Das Dracula-SchlossDas Schloss diente Francis Ford Coppola als Filmkulisse für seine Dracula-Verfilmung und man spürt förmlich die Anwesenheit des “Pfählers” Vlad Tepes, auf den die Legende des Blut saugenden Grafen zurück geht.
Werden uns heute Nacht die Vampire holen? Was wird uns in den Bergen begegnen?

Zunächst checken wir jedoch erst einmal in unserem “Guesthouse” ein. Wir werden sehr herzlich empfangen und beziehen etwas in Eile unser Zimmer. Das hat Guido wirklich klasse ausgesucht.
Das Ganze Haus ist ausgebucht von Läufern, die morgen an den Start gehen werden. Es gibt einen gemütlichen Gemeinschaftsraum, fast Lounge-mäßig und überall wird schon eifrig gefachsimpelt.

Unser GuesthouseDoch erst einmal müssen wir zum Racebriefing und danach zur Pastaparty, die hier eine Ciorba-Party ist.
Ciorba ist die einheimisch-typische (und für mich sehr leckere) Gemüse-Suppe.

Beim Racebriefing erfahren wir später, was wir zu tun haben, wenn wir den vielen wilden Hunden, oder einem Bären begegnen. Nämlich viel Lärm machen! Zur Standard-Ausrüstung gehört daher auch eine Trillerpfeife.

Moment mal: Bären?
Ja genau, in den Karpaten gibt es noch wilde Bären und man tut gut daran, diese bestmöglich zu verscheuchen, wenn sie näher kommen. Weglaufen, oder auf einen Baum zu klettern macht da nicht viel Sinn, das können die Bären nämlich viel besser als Menschen!

Beim BriefingDarüber hinaus wird beim Racebriefing wie bei längeren Berg-Ultras üblich, auch unsere Pflichtausrüstung gecheckt und wir erhalten letzte Streckeninfos.

Auf Grund des zurück gekehrten Winters, wurde die Strecke noch einmal kurzfristig geändert und auf eine etwas tiefer gelegene Route verlegt.

Somit wird es nicht wie geplant auf bis zu 2500 Meter rauf gehen, sondern nur auf ca. 2000 Meter Höhe. Distanz und Höhenmeter (50 KM mit knapp 3000HM D+) bleiben aber weitgehend identisch.

Raceday

Nun geht es endlich los. Knapp 100 verrückte Läufer aus 8 Nationen treffen sich bei Sonnenaufgang.

Am Start aufs Bild geschummelt Vampire haben uns in der letzten Nacht zwar nicht überfallen, dafür hatten die wilden Hunde aber ziemlich lange ihren Spaß.

So etwas kennt man aus Mitteleuropa nicht, aber man kann sich kaum vorstellen, welchen Lärm frei herumlaufende Hunde nachts so machen.

Schlaf gab es jedenfalls nur sehr wenig und die Erkältung ist leider immer noch da.

Dennoch stehen wir alle sehr gut gelaunt um 6 Uhr an der Startlinie und der Pfähler Tepes schickt uns höchst persönlich auf die Reise.

Nachdem das Rennen freigegeben wurde, geht es zunächst einige Kilometer aus dem Ort heraus. Am Ortsausgang trennen sich die 50 und die 100 Kilometer Läufer. Kaum auf dem Trail angekommen geht es steil bergauf.
Rund 1200 Höhenmeter sind gleich auf den ersten Kilometern zu überwinden. Unglaublich brutal bei dem aufgeweichten Boden. Das Läuferfeld zieht sich entsprechend schnell auseinander. Ich lasse es wie geplant sehr ruhig angehen.

Beim Aufstieg noch unterhalb des NebelsZum Einen sind die Beine noch etwas müde vom Hexentanz, zum anderen treibt die Erkältung den Puls sofort nach oben.
Ab der Hälfte der Strecke kommt dichter Nebel hinzu.
Teilweise sieht man die Hand vor Augen kaum. Nach einer Weile laufe ich auf eine kleine Gruppe auf. Sabine, Pirmin und Harald, die ich von Facebook her kenne und die ich schon beim Racebriefing getroffen hatte.

Wir laufen ein kurzes Stück, trennen uns aber bald wieder, da ich das Tempo nun etwas anziehen kann. Oberhalb 1650 Meter kommt nun Nieselregen auf und bald erreiche ich den ersten Checkpoint. Ich fülle meine Flaschen auf, esse ein paar Biskuits und ein Stück Banane.

Mehr gibt es hier auch nicht, denn alles was man darüber hinaus verzehren möchte, muss man selbst mitnehmen.
Wobei Biskuits schon was Feines sind… gell Guido?

SchneefelderBald geht es immer weiter hinauf. Der Nieselregen zuächst in einen kräftigen Graupelschauer und dann in einen fetten Schneesturm über.
Mir frieren fast die Finger ab und ich packe mich mit Mütze, Regenjacke, Kapuze und allem Warmen was ich habe dick ein. Dank meiner Mammut-Klamotten bin ich bestens ausgestattet!

Am höchsten Punkt der Strecke angekommen durchquere ich erst ein tiefes Schneefeld und laufe dann durch eine Winterlandschaft.

Aus dem dichten Nebel tauchen plötzlich in der Nähe des höchsten Punktes zwei Streckenposten auf, die die Racenummern checken.

Einer von den beiden: Hey…What’s Your Race-Number?
Ich: Hi, Bib 31!
Er: Do You like Romania?
Ich: Yes, especially the mountain-view!
Er: schaut verwirrt
Ich: Is this typical springtime in Romania?
Er: Noooooo, it’s ALWAYS beautiful, but today is a bad day
Ich: Ah ok, nice mountains here… bye

 

Durch meinen Kopf geht ein Gedanke: Laut Veranstalter sei dies die beste Zeit im Jahr, um hier einen Bergultra zu laufen. Ich möchte ehrlich gesagt gar nicht wissen, wie dann die zweit beste Zeit im Jahr ist… und gleite durch das vor mir liegende Schneefeld im Kilian-Style im wilden Downhill.

Winter-Wonderland

Etwas tiefer gelegen geht der Schnee wieder in Regen über und ich laufe über einen recht schmalen Grat. Schade, die Aussicht wäre wahrscheinlich phänomenal hier. Ab und zu reißen die Wolken auf und man bekommt einen ersten Eindruck, in welch unglaublich schöner Natur man sich hier bewegt.
Ich überquere einen kleinen Pass. Verrückt, auf der anderen Seite ist nun schönes Wetter.

Der Downhill beginntEin langer Downhill beginnt und je weiter ich absteige, desto besser fühle ich mich und das Wetter wird auch immer besser.
Kurz bevor ich Checkpoint 2 erreiche, überquere ich im fliegenden Downhill einige Weiden.
Ich habe das Gefühl der Winter geht in einen warmen Sommer über und bald beginne ich mich, aus meinen Klamotten zu schälen.

Unterwegs laufe ich auf einen älteren britischen Läufer auf und gemeinsam erreichen wir den Check Point. Dort sitzt ein weiterer rumänischer Läufer bei einem Becher Ciorba, die ich mir auch genehmige. Dazu ein paar Biskuits.

Ich mag mich nicht lange aufhalten und mehr oder weniger zeitgleich verlassen wir den CP. Ab hier sind es nur noch 20 Kilometer und auch der größte Teil der Höhenmeter sind bereits im Sack.

Unterhalb wird das Wetter besserWie an der Perlenkette gezogen quälen wir uns auf der anderen Seite des Tals wieder nach oben. Es ist jetzt unangenehm warm und ich ziehe mich bis auf das Laufunterhemd aus. Die Sonne knallt und es geht steil nach oben.

Die Natur hier ist absolut in Ordnung, keine Luftverschmutzung. Kein saurer Regen. Nur gesunder grüner Mischwald.
Ich kann allerdings gar nicht oft genug erwähnen wie steil die An- und Abstiege sind. Und natürlich auch sehr technisch!
Das ist echtes Trailrunning, sofern man überhaupt noch von „Trails“ sprechen kann. Teilweise geht es nämlich einfach nur irgendwo „querfeldein“. Der Brite nennt dies liebevoll „Fellrunning“.

Egal – Spaß macht es in jedem Fall.

Die Sonne kommt rausNun laufe ich gemeinsam mit dem rumänischen Sportsfreund.
Ein Glück. Von links höre ich ein verdächtiges Brüllen aus dem Wald. Habe ich da gerade einen Bären gehört?
Während ich noch darüber nachdenke fängt der Kollege schon wie wild an zu trällern. Er hat wohl erfahrung in so etwas, auch wenn er heute seinen ersten Ultra läuft, war er schon öfters in den Bergen unterwegs. Zuletzt vor einigen Wochen beim Brasov-Marathon. Wir nehmen unsere Beine in die Hand…

Schnell kommt der letzte Checkpoint in Sicht. Der Checkpoint 3 war gleichzeitig auch Checkpoint 1. Die Crew sagt mir mit feinstem britischen Humor so etwas ähnliches wie „jetzt siehst du schon gar nicht mehr so Sche*** aus, wie beim ersten mal, als du hier vorbei gekommen bist“!
Ich verstehe den Humor und gemeinsam haben wir Spaß.

Im Tal ist es SommerAuf geht es, den vorletzten Anstieg nach oben. Weitere Läufer vor mir tauchen auf. Im folgenden Downhill laufe ich auf die beiden erstplatzierten Frauen auf, die heute gemeinsame Sache machen und später gemeinsam das Rennen gewinnen werden.

Der letzte Gegenanstieg wird dann noch einmal brutal hart. Über Wurzeln, umgestürzten Bäumen und losen Steinen fräsen wir uns den Berg hinauf.

Alle sind wir jetzt am Anschlag. Es geht fast vertikal nach oben. Ich brauche für einen Kilometer über 20 Minuten und ich spüre, wie mir die Erkältung die Kraft aus dem Körper gesaugt hat.

Nun läuft auch Radu, mein rumänischer Lauffreund wieder von hinten auf und gemeinsam machen wir oben angekommen eine kurze Pause, während die beiden Mädels direkt weiter laufen.

Wahnsinnig tolle TrailsIch esse immer wieder ein Stückchen Ride-Bar, einen meiner Lieblingsriegel von Powerbar und komme schnell wieder zu neuer Kraft. Radu plündert seine Gel-Vorräte. Gemeinsam gehen wir auf den endlos langen Schluss-Downhill.

Was für ein Spaß!

Der technische Teil liegt mir ganz besonders gut, während die flacheren Parts für meinen Laufkumpel aus Rumänien besser sind. Gemeinsam prügeln wir dermaßen schnell ins Tal, dass wir nicht mehr aufs GPS achten und die Abzweigung verpassen.

Der Weg ins ZielGott sei Dank bemerken wir unseren Fehler, verlieren jedoch einige Minuten, bis wir uns wieder orientiert haben.

Nun kommt auch David, der britische Läufer von hinten und wir beschließen, das Rennen gemeinsam zu Ende zu laufen.

Noch einmal krachen wir die letzten Kilometer dem Ort entgegen und die letzten Meter sind ein purer Genuß. Überall im Ort winken und rufen uns die Leute entgegen und zügig geht es in Richtung Dracula Schloss.

Hier haben wir die letzten Höhenmeter zu überwinden und tanken uns durch Heerscharen an Besuchern hinauf zum Castle direkt in den Schlosshof, der heute das Ziel ist.

Hier erhalten wir unseren letzten „Biskuit“ für heute, eine wunderschöne Finisher-Medaille aus Holz, die ein wenig an eine Prinzenrolle erinnert.

„Aftershow“-Party und der Tag danach

Shirt und MedailleWow, was für einen Rennen!

Unter diesen Umständen bin ich top zufrieden. Auch wenn mir am Ende etwas die Kraft gefehlt hat, war das wirklich eine tolle Sache. So abwechslungsreich, wie sich das Land und die Leute zuvor präsentiert haben, so gegensätzlich war auch das Rennen.

Unglaublich technische und steile Trails.
Alle vier Jahreszeiten erlebt. Krass.

Und das in gerade mal in 9 Stunden und 20 Minuten. Platzierung? Irgendwas in den Top 15 gesamt.
Gar nicht schlecht mit der verrotzten Nase.

Viel wichtiger ist jedoch das Erlebis!

Vlad Tepes got me!Und das feiern wir dann abends auch noch im Kreise einiger 50 Kilometer-Finisher gebührend. Gemeinsam mit Sabine, Pirmin und Harald gehe ich lecker essen und wir lassen den Tag ausklingen.

Am nächsten Tag dann Siegehehrung und Abschluss-Veranstaltung.

Einmal nicht aufgepasst und Vlad Tepes erwischt mich doch!

Das Ende der Reise erleben dann Michael, Guido und ich noch einmal gemeinsam in Bukarest, wo wir vor unseren jeweiligen Rückflügen noch eine Übernachtung einschieben.

Wir sind noch immer sehr beeindruckt, von den Gegensätzen und der Herzlichkeit in diesem Land.

Vor allem wird uns aber klar, welches Glück wir haben. Die Freiheit und das Privileg reisen zu können.
Laufend mit Freunden die Welt erkunden. Und vor allem die Möglichkeit unsere Träume zu leben.

Best of Transylvania

10 Gedanken zu “Transylvania Ultratrail

  1. Wow. Das ist doch mal wieder ein Rennbericht, wie man es von Dir gewohnt ist. Ich hatte fast das Gefühl, dabei zu sein :-). Großartig geschrieben! Klingt nach einem echten Abenteuer. Glückwunsch, dass Du trotz aller Hindernisse den Lauf angetreten und so erfolgreich beendet hast!

    • Danke Chris,
      auch wenn die Anreise etwas abenteuerlich ist, kann ich den Lauf nur empfehlen!
      Ich denke, ich werde irgendwann auch noch mal wieder kommen, um die 100K zu machen 😉

  2. Netter Bericht Tom. Gefällt mir, vor allem endlich mal keine Pasta-Party.
    Scheint ein echtes Abenteuer gewesen zu sein.

    Wenn ich mir so die Bilder von dir und Don Downhill ansehe, bin ich mir nicht ganz sicher wo die Gefahr wirklich gelauert hat. (-:

    • Naja, so gekonnt muss man sich erst mal aufs Bild schummeln, ich glaube es war bei keinem der beiden Bilder nicht geplant, dass ich mit drauf bin… ich war aber immer zur richtigen Zeit da :-p

  3. Hey Tom,

    wow, was für ein toller Bericht. Man fühlt sich tatsächlich so, als wär man selbst dabei gewesen.

    Wenn die Bären nicht drin vorgekommen wären, hätte ich micht jetzt sofort für nächstes Jahr angemeldet :). Oder ich nehme einfach die Hunde alle zum Schutz mit.

    Tolle Leistung, Du Tier :). Und das trotz Erkältung. Hut ab.

    LG
    Mel

    • Danke dir. Der Trip dorthin lohnt sich auf jeden Fall.
      Und es kommen einem ja nicht ständig wilde Tiere entgegen, das sollte eigentlich die Ausnahme sein 😉

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