2. Mammut Swiss Irontrail – (Teil 2)

Mountains are calling!

Samstag:
It’s Race-Time. Endlich geht es richtig los. Heute darf ich ran.
Voller Vorfreude auf das Rennen heute werde ich schon früh wach. Die Sonne scheint, das Wetter hat sich komplett gedreht. Petrus ist eben doch ein Ultratrailrunner.

Ready to race

Ready to race

Beim Frühstück treffe ich Mariann aus unserer Mammut-Gruppe.
Sie ist aufgeregt, denn gleich geht es auch für sie los. Mariann startet beim T81 – ihr längstes Rennen bislang. Sie wird dieses mit Bravur am nächsten Morgen finishen. Ich habe noch etwas Zeit.
Das Einzige, was mich beim Ultralaufen manchmal wirklich stört, ist das frühe Aufstehen. Doch dieses mal ist es anders. Ich starte erst um 14:00 Uhr auf der Lenzerheide und kann noch etwas relaxen.

Noch mal Check der Ausrüstung. Die Klamotten werden bereit gelegt und alles im Rucksack verstaut. Ich bin „Ready to race“ und entschließe mich daher, schon etwas früher den Bus zum Start zu nehmen.

Am Start auf der Lenzerheide

Am Start auf der Lenzerheide

Eine gute Entscheidung, alles läuft relativ entspannt hier. Die Veranstalter Crew baut gerade noch auf.
Hin und wieder laufen Teilnehmer des T141 durch, die jubelnd von den wartenden Startern und einigen Zuschauern empfangen werden.
Klasse Stimmung.

Ich unterhalte mich kurz mit Peter von Mammut und kurz vor dem Start treffe ich auch noch Thomas, den ich vom Zugspitz-Ultra kenne.
Gemeinsam setzen wir unsere Tracker, mit denen man uns während des Rennens online verfolgen kann in Gang und dann geht es auch schon in die Startaufstellung.
Startschuss. Endlich. Attacke. Ich habe schon jetzt ein breites Grinsen im Gesicht!

Durch die wundervolle Schweiz

Durch die wundervolle Schweiz

Die ersten Kilometer sind flach und das Feld setzt sich recht zügig in Bewegung. Schnell zieht sich alles auseinander.
Früh merke ich, heute fühlt sich das Laufen ganz anders an als sonst.
Gleich bei der ersten knackigen Steigung spüre ich die 73,5 Kilometer des Klingenpfadlauf vom vergangenen Sonntag.
Für mich ist es eine vollkommen neue Erfahrung, zwei Ultrarennen an zwei aufeinander folgenden Wochenenden zu laufen.

Bei Kilometer 6 werde ich mit dem ersten Runners-High belohnt. Bei Kilometer 10 bin ich das erste mal platt.
Das kann ja heiter werden. Also laufe ich locker weiter. Hilft ja nix. Das wird dann wohl eher eine Bergwanderung, als ein Rennen? Mal schauen.
Auch wenn es bislang fast nur über Schotter und Asphalt ging, nehme ich die besondere Umgebung dieses Rennens wahr. Es geht immer wieder durch kleine verträumte Dörfer mit besonderer Atmosphäre. Ich sauge alles in mich auf.
Nach dem ersten ernst zu nehmenden Downhill erreiche ich den Verpflegungsposten in Tschirtschen. Meine Oberschenkel glühen. Aber ich genieße die Strecke.

Bergauf

Bergauf… ganz schön anstrengend…

Ich gönne mir eine etwas längere Pause und trinke das kristallklare Wasser aus dem Dorfbrunnen.
Beim Verlassen des VP fasel ich etwas von „jetzt geht der Spaß erst richtig los“. Gemeint sind damit die nächsten 8,5 Kilometer mit 1350 Höhenmetern Aufstieg hinauf zum Weißhorn auf ca. 2650 Metern.

Langsam verändert sich der Untergrund. Die Pfade werden schmaler und die Anstiege steiler.
Gerade an den steilen Anstiegen fehlt mir heute die Kraft und ich muss zahlreiche Läufer passieren lassen.
Immer wenn es nicht ganz so steil bergauf geht, komme ich besser voran und ich laufe wieder auf den ein oder anderen Läufer auf. Es ist ein munteres hin und her, innerhalb dessen sich immer wieder nette Gespräche ergeben.

Mittlerweile vermischt sich auch das Teilnehmerfeld aus den verschiedenen Distanzen. Um mich herum sowohl Starter auf meiner Distanz, als auch „141er“ und vereinzelt auch die Führenden des T81.

Dabei auch wieder bekannte Gesichter. Zuerst überholt mich Csaba, die Lauflegende aus Ungarn. Csaba ist gleich zu Beginn des Rennens umgeknickt und beißt sich heute eisenhart durch. Am Ende wird er 3. beim T81 eine Leistung, die auf Grund der Verletzung doppelt stark zu bewerten ist und die das hervorragende Ergebnis des Mammut Pro Teams abrundet.

Aufstieg

Aufstieg… auf dem Weg zum Weißhorn

Wenig später fliegt auch Ildiko aus dem Mammut Pro Team an mir vorbei. Das kenne ich schon, Ildiko überholt mich in letzter Zeit öfters. 🙂
Wir umarmen uns herzlich und ich wünsche Ildiko viel Erfolg für das weitere Rennen. Sie ist heute wieder verdammt schnell unterwegs und wird den T81 am Ende souverän gewinnen. Genau so wie den Zugspitz Ultratrail in den letzten beiden Jahren und viele andere große Rennen. Wenn Ildiko läuft, ist sie meist eine Klasse für sich.

Motiviert von den herzlichen Begegnungen geht es weiter bergauf. Die Pfade sind nun „echte“ Trails geworden und ich habe noch immer Beine aus Blei.
Ein komisches Gefühl. Mir geht’s total gut und auch mental bin ich top drauf. Dennoch hält verdammt noch mal irgendwer meine Beine fest. Zumindest fühlt es sich so an.

Während sich der Trail weiter den Berg hinauf schlängelt, sehe ich immer wieder die Bergstation des Weißhorn vor mir und beiße mich hoch. Mittlerweile laufe ich schon auf über 2000 Metern Höhe und das Panorama wird immer fantastischer.
Wie unglaublich schön die Berge hier sind!

Wie die Lemminge quälen sich die Läufer bergauf. Viele machen in der dünnen Luft unterwegs hin und wieder eine kurze Pause. Nur noch wenige Höhenmeter und ich bin oben.

Weißhorn

Blick vom Weißhorn auf über 2650 Metern Höhe in Richtung Arosa

Am Gipfel angekommen wartet ein Helfer und weist auf die Gipfelstation hin.
Hier wurde kurzfristig ein zusätzlicher Verpflegungspunkt eingerichtet.
Doch vorher bleibe ich noch einen Moment stehen und starre sprachlos in die Ferne.
Heute ist wunderschönes Wetter und die Sicht ist unglaublich.
Hunderte, wenn nicht tausende Gipfel liegen mir zu Füßen. Ich meine in der Ferne den Jungfrau-Gipfel zu erkennen.
So fühlt sich echte Freiheit an.
Einer dieser Momente, bei denen du am Gipfel ankommst und dir die Tränen in die Augen schießen.
Wenn ich daran denke, läuft mir jetzt noch Gänsehaut den Rücken runter.
Sprachlosigkeit von der Schönheit dieser Berge.

Dennoch muss ich weiter. In der Gipfelstation fülle ich schnell meine Trinkflaschen auf und nehme mir zwei Scheiben Brot. Danach geht es auf den Downhill.

Yieeha! Unten im Tal sehe ich Arosa und ich komme ins Rollen. Immer lockerer werden meine Beine und ich gerate zum ersten mal in so etwas wie einen Flow.
Ich treffe Jens. Jens liegt derzeit auf Platz 5 beim T81. Wir verquatschen uns ein wenig, während wir recht flott ins Tal rollen.
Hinein in den Ort Arosa. Wir kommen so sehr in den Groove, dass ich den nächsten Verpflegungsposten kaum wahrnehme.
Auf einmal stehe ich unter der Erde in einem Bunker!
Die haben Humor, die Schweizer!

Was ich dort vorfinde, ist der perfekte VP. Schlafplätze, Duschen, Rennarzt, Toiletten, kaltes und warmes Buffet.
Die Veranstalter scheinen aus dem letzten Jahr gelernt zu haben und bieten alles, was man sich auch auf richtig langen Strecken nur erträumen kann.
Ich mag nicht richtig essen, aber gönne mir ein Erdinger und frische trockene Kleidung für die Nacht.
Als ich aufbreche ist es mittlerweile bereits Abend geworden und ich laufe eine ganze Weile alleine.
Die Strecke geht zunächst bergab, dann flach an einem Stausee vorbei und bald wieder steil aufwärts.
Ich laufe auf Klaus auf, komme aber nicht von ihm weg, da mir noch immer die Kraft in den Beinen fehlt.
Also entschließen wir uns, uns gegenseitig den Berg hochzuziehen. Das klappt wunderbar.

Es wird Nacht

…und dann wird es Nacht

Erneut oberhalb der 2000 Meter Grenze verabschieden wir uns, denn je länger das Rennen geht, desto frischer fühlen sich meine Beine an.
Dieser Sport macht wirklich verrückte Dinge mit dem Körper!
Und dann kommt die Nacht. Ursprünglich wollte ich jetzt bereits im letzten Downhill auf dem Weg zum Ziel sein.
Doch davon bin ich noch eine ganze Weile entfernt.
Dafür laufe ich jetzt bei sternenklarem Himmel auf wundervollen Trails und genieße die Stille um mich herum.
Ich werde nicht mehr überholt, sondern „sammle“ nach und nach immer mehr Läufer der unterschiedlichen Distanzen ein.

Bald darauf erreiche ich den letzten Verpflegungspunkt in Jatz. Dort treffe ich Hans wieder. Hans kenne ich noch von gestern, da hat er die Strecke markiert.
Wir machen ein paar Witze und das gibt mir Kraft für den letzten Anstieg hinauf zum Strela Pass.
Vor dem haben irgendwie alle Schiss, denn es geht auf gut 2Kilometern noch einmal mehr als 500 Höhenmeter nach oben.

Zielspurt

Auf den letzten Metern ins Ziel

Unglaublich aber wahr, ausgerechnet jetzt kehrt nach fast 8,5 Stunden Rennzeit das Leben in meine Beine zurück.
Viele Läufer quälen sich den letzten Anstieg nach oben und ich marschiere konstant wie ein Uhrwerk.
Ich überhole einen Läufer nach dem anderen.
Am Strela Pass auf 2350 Metern Höhe angekommen, bitte ich die frierenden und tapfer unter einer Decke ausharrenden Helfer, mir ein letztes Gel aus dem Rucksack zu ziehen und stürze mich sofort auf den 5 Kilometer langen Downhill ins Tal nach Davos.
Und wieder passiere ich noch einige Läufer, unter anderem auch zwei Jungs von der 81er Strecke (später fragen die mich im Ziel, ob ich das schön öfter so gemacht hätte).

Meine Beine fühlen sich fast an, als wäre ich eben erst losgelaufen und ich krache förmlich ins Tal. Je weiter es nach unten geht, desto weniger technisch werden jetzt die Trails und bald habe ich wieder festen Boden unter den Füßen.

Im Ziel

Im Ziel ein Erdinger… ich würde sagen verdient ;-)

Um kurz vor Mitternacht habe ich Davos erreicht und biege in den Zielbereich ab.

Finish!

I Feel Good!

Im Ziel treffe ich Claire von Mammut und entschuldige mich, dass ich so langsam war,
vermutlich einer der Letzten.

Ich kann es kaum glauben, als sie mir sagt, dass ich noch immer deutlich in der ersten Hälfte des Feldes bin.

Jetzt habe ich mir das Zielbier redlich verdient. Das Rennen muss ich erst mal verarbeiten.

Gute Nacht!

Sonntag:
Nach einer nur ganz kurzen Nacht mache ich mich noch mal zum Zielgelände auf. Mariann kommt rein und finisht den T81.
Frühstück. Und dann auch schon die Siegerehrung.
Ein Blick auf die Ergebnislisten zeigt mir, dass den T41 Helen Bonsor und Beni Hug, beide vom Mammut Pro Team gewonnen haben.

Der Morgen danach

Der Morgen danach – Siegerehrung

Ich bin in meiner Kategorie auf Rang 15 gelaufen. Wenn ich mir die Zeiten so ansehe, wäre mit frischen Beinen deutlich mehr drin gewesen.
Erste Gedanken kreisen um die Top10 overall und um eine Wiederkehr im nächsten Jahr.
Florian, der nach 120 Kilometern beim T201 in Führung liegend das Rennen mit Rücksicht auf den UTMB in drei Wochen aufgegeben hat, hat bereits seine Revanche angekündigt.
Das könnte im nächsten Jahr ein großes Wiedersehen werden.
Doch erstmal mache ich mich auf den Weg nach Hause, ich hab ja noch ein ordentliches Stück mit der Bahn und mit dem Flugzeug vor mir…

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7 Gedanken zu “2. Mammut Swiss Irontrail – (Teil 2)

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